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Braucht Betreuung Professionalität? In Nordrhein-Westfalen sollen die Kosten für die gesetzliche Betreuung mittels Ehrenamtlicher gesenkt werden. Auf scharfe Kritik ist der Plan des nordrhein-westfälischen Justizministers Jochen Dieckmann gestoßen, wegen „explodierender" Kosten für professionelle Betreuer die Zahl der gesetzlichen Betreuungen zu reduzieren: Statt professioneller Betreuer sollen demnächst verstärkt einfache Vorsorgevollmachten zum Einsatz kommen. „Ich weiß nicht, ob Minister Dieckmann bewusst ist, mit welch höchst problematischer und zum Teil gefährlicher Klientel es die Betreuungsvereine zu tun haben: Drogenabhängige, Obdachlose, psychisch kranke Straftäter oder Alkoholiker im Endstadium", betont Hartmut Claes, Geschäftsführer des Caritasverbandes Witten. „Was wirklich explodiert, ist die Zahl der Menschen, von denen ich vor meiner Tätigkeit bei der Caritas gar nicht wusste, dass es sie in dieser Ausprägung überhaupt gibt." Es sei realitätsfremd zu glauben, Vorsorgevollmachten könnten diese Situation beseitigen. Man müsse sich von der Vorstellung lösen, dass gesetzliche Betreuung eine harmlose, im Prinzip von jedermann zu bewältigende Aufgabe sei. Die Belastung für hauptberufliche Mitarbeiter in den katholischen Betreuungsvereinen sei angesichts des zunehmend schwieriger werdenden Klientels enorm, bestätigt Reinhild SteffensSchulte, Referentin beim DiözesanCaritasverband für den Sozialdienst katholischer Frauen und Sozialdienst Katholischer Männer in Paderborn. Bei den caritativen Fachverbänden sind neben dem Caritasverband Witten Träger die katholischen Betreuungsvereine im Erzbistum Paderborn, wo 70 berufliche Mitarbeiter in 33 katholischen Beratungsvereinen tätig sind. Man habe in den vergangenen Jahren verstärkt Anstrengungen zur Gewinnung ehrenamtlicher Betreuer unternommen. Doch deren Einsatz sei begrenzt. So bekommen Ehrenamtliche keine problematischen Fälle wie die Betreuung von Drogenabhängigen übertragen. „Es ist ein absurder Wunsch der Politik, die gesetzlichen Betreuungen von Ehrenamtlichen übernehmen zu lassen", kritisiert Steffens-Schulte. Unheil droht dem Arbeitsfeld der gesetzlichen Betreuungen bereits jetzt von finanzieller Seite. Personalkosten können nicht mehr gedeckt werden, die Kommunen ziehen sich schleichend aus der Fürsorgepflicht zurück. Die Lage spitzt sich zurzeit dramatisch zu. „Was passiert eigentlich mit betreuungsbedürftigen Personen, wenn den Betreuungsvereinen die Luft ausgeht?", fragt Reinhild Steffens-Schulte. „Es scheint so, als wolle sich die Gesellschaft stillschweigend aus der Verantwortung stehlen."
Jürgen Sauer, Quelle: neue caritas 10/2002 |